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Junya Ishigami
Warum relevant
Ishigamis Praxis, Architektur buchstäblich bis zur strukturellen Auflösung zu reduzieren — KAIT Workshop (2008): 305 schlanke Stahlstützen mit je individuellem Querschnitt, kein Stützenraster, kein wiederholtes Modul — entspricht exakt der Logik, mit der KI-generierte Architekturen ungebaute Strukturen jenseits baulicher Konventionen entwerfen. Seine Tischarbeit „Table" (2005), eine 9,5 Meter lange Stahlfläche bei 3 mm Materialstärke, die durch Eigengewicht durchhängt und trotzdem steht, ist ein physisches Äquivalent zu prozedural erzeugten Geometrien: formal plausibel, materiell kaum realisierbar. Die Grenze zwischen Gebäude und Landschaft — Art Biotop Water Garden (Nasu, 2018), 486 verpflanzte Bäume als Architektureingriff — öffnet einen konzeptuellen Raum, der für KI-generierte Bildproduktion produktiv ist: Was zählt als Architektur, wenn kein Dach, keine Wand, kein Programm vorausgesetzt wird? Ishigamis Auszeichnung mit dem Goldenen Löwen der Architekturbiennale Venedig 2010 markiert seinen Einfluss auf den internationalen Diskurs über strukturelle Unmöglichkeit als Gestaltungsprinzip.
Domain
architecture
Notes
Junya Ishigami, geboren 1974, gründete sein Büro junya.ishigami+associates 2004 in Tokyo, nachdem er bei SANAA unter Kazuyo Sejima gearbeitet hatte. Sein zentrales Forschungsfeld: Architektur als Übergang zwischen gebautem Objekt und natürlichem Phänomen. Im KAIT Workshop am Kanagawa Institute of Technology (Atsugi, 2008) trägt kein Stützenpaar dieselbe Geometrie — die 305 Stahlprofile variieren in Breite, Tiefe und Neigung, sodass das Innere wie ein lichtdurchfluteter Wald ohne Richtung wirkt. Das Serpentine Pavilion (London, 2019) liegt flach auf dem Boden: ein horizontales Dach aus Natursteinplatten, kaum einen Meter über dem Rasen, getragen von wenigen unregelmäßig gesetzten Stützen — Architektur als geologische Schicht. Ishigami arbeitet konsequent mit Stahl in unüblichen Biegeschlankheiten und mit Glas als nicht-trennendem, sondern auflösendem Element. Seine Projekte befragen, was ein Gebäude sein muss, wenn Konventionen — Wandstärke, Stützenabstand, Tragwerkslogik — aufgegeben werden.